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Polyamid PA 6 (Nylon 6): Eigenschaften, Wasseraufnahme und GF-Typen

Polyamid 6 (PA 6, auch Nylon 6) ist ein teilkristalliner Engineering-Thermoplast mit hervorragenden mechanischen Eigenschaften, gutem Gleitverhalten und breiter chemischer Beständigkeit. Die Kombination aus Festigkeit, Zähigkeit und Steifigkeit – besonders in glasfaserverstärkten Ausführungen – macht PA 6 zum Standardwerkstoff für technische Bauteile in Automotive, Elektrotechnik, Textilmaschinen und Konsumgütern.

Synthese und Struktur

PA 6 wird durch ringöffnende Polymerisation von ε-Caprolactam hergestellt – im Gegensatz zu PA 66, das durch Polykondensation aus zwei Monomeren (Hexamethylendiamin + Adipinsäure) entsteht. Die PA-6-Kette besitzt regelmäßige Amidgruppen (–CO–NH–) im Abstand von 6 Kohlenstoffatomen, die starke intermolekulare Wasserstoffbrücken bilden. Diese Wasserstoffbrücken sind verantwortlich für die hohe Zugfestigkeit und den hohen Schmelzpunkt.

Der Kristallisationsgrad von PA 6 liegt bei 35–45 % und hängt stark von der Abkühlgeschwindigkeit ab: langsame Abkühlung ergibt höhere Kristallinität, höhere Dichte und höhere Steifigkeit, aber geringere Zähigkeit. Schnelle Abkühlung (Spritzguss, Kältewerkzeug) ergibt amorphere Randschicht, bessere Oberfläche und höhere Kerbschlagzähigkeit.

Wasseraufnahme: Die zentrale Herausforderung

Die hydrophilen Amidgruppen in PA 6 nehmen Wasser aus der Umgebung auf. Dies ist die wichtigste werkstofftechnische Besonderheit von PA 6 und hat gravierende Auswirkungen auf alle Kennwerte:

ZustandFeuchtegehaltZugfestigkeitE-ModulKerbschlagzähigkeit
Trocken (0,2 %)0,2 %80–85 MPa3.200 MPa5 kJ/m²
Konditioniert (2,5 %)2,5 %60–70 MPa1.600 MPa40–60 kJ/m²
Wassergesättigt (9–10 %)9–10 %40–45 MPa500 MPanicht gebrochen

Für Auslegung und Kennwertangabe gilt: Normkennwerte werden im konditionierten Zustand (ISO 1110, 70 °C / 62 % rel. F.) angegeben. Bauteile aus PA 6 sollten immer im Gleichgewichtszustand der geplanten Einsatzbedingung ausgelegt werden. Trockenes PA 6 im Kaltzustand kann spröde brechen – Konditionierung durch Lagerung in Wasser oder feuchter Luft vor dem Einsatz ist oft erforderlich.

Mechanische und thermische Kennwerte

Dichte
1,12–1,14
g/cm³ · ISO 1183
Zugfestigkeit (trocken)
75–85
MPa · ISO 527
E-Modul (trocken)
2.800–3.300
MPa · ISO 527
Schmelztemperatur
215–225
°C · DSC / ISO 11357
Wasseraufnahme (23°C Wasser)
9–10
% · ISO 62
HDT/A (trocken, 1,8 MPa)
60–65
°C · ISO 75-A
HDT/A PA6-GF30 (trocken)
210
°C · ISO 75-A
MFR (275 °C/2,16 kg)
5–70
g/10 min · ISO 1133
Schwindung Spritzguss
0,6–1,4
% (GF: 0,2–0,5 %)

Trocknung und Verarbeitung

PA 6 muss vor der Schmelzeverarbeitung intensiv getrocknet werden, da bereits 0,2 % Restfeuchte zu Hydrolysereaktionen und Blasenbildung in der Schmelze führt. Empfohlene Trocknung im Trockenlufttrockner: 80 °C / 4–6 Stunden (bei Standardgranulat), für extrem feuchtes Material 95 °C / 8 h. Lagerhaltung nur in dichten Behältern oder Oktabins mit PE-Inliner.

Spritzgussparameter PA 6 (ungefüllt)
  • Massetemperatur: 240–280 °C (GF-Typen: 260–290 °C)
  • Werkzeugtemperatur: 40–80 °C (hohe WT = mehr Kristallinität, glattere Oberfläche)
  • Einspritzdruck: 700–1.200 bar
  • Schwindung: 0,6–1,4 % (quer 0,8–1,4 %, längs 0,4–1,0 %); GF30: 0,2–0,5 %
  • Nachdruckzeit: bis zum Einfrieren des Anschnitts wichtig, danach kein Effekt

Klassifikation nach ISO 1874

Die Norm ISO 1874 regelt die Bezeichnung von PA-Formmassen. Der Designierungsblock enthält: Polymertyp (PA), Monomereinheit (6), Viskositätszahl in ml/g, Schlagzähigkeitsklasse und Füllstoff- bzw. Modifikationsbezeichnung. Beispiel: PA 6 – 225 – G6 – Xb25 bezeichnet ein PA 6 mit Viskositätszahl 225 ml/g, ungekerbter Charpy-Klasse G6 und 25 % Glasfaser (Xb).

Glasfaserverstärkte PA-6-Typen

GF-verstärkte PA-6-Typen (PA6-GF10 bis PA6-GF60) dominieren technische Anwendungen im Automotive-Bereich (Motorhaube, Ansaugrohr, Getriebegehäuse), Elektrotechnik (Steckverbinder, Spulenträger) und im Maschinenbau. GF-Verstärkung steigert E-Modul von 3.000 auf bis zu 16.000 MPa, Zugfestigkeit von 80 auf 200 MPa und HDT-A von 65 auf 210 °C. Nachteil: Anisotropie durch Faserorientierung, höhere Abrasivität im Werkzeug (verschleißfeste Stähle erforderlich), verminderte Oberfläche.

Häufige Fragen zu Polyamid PA 6

Was ist der Unterschied zwischen PA 6 und PA 66?
PA 6 entsteht durch Ringöffnungspolymerisation von Caprolactam (ein Monomer), PA 66 durch Polykondensation von Hexamethylendiamin und Adipinsäure (zwei Monomere). PA 66 hat einen höheren Schmelzpunkt (255–265 °C vs. 215–225 °C bei PA 6), ist etwas steifer und nimmt etwas weniger Wasser auf (~2,5 % vs. ~3,0 % bei Normklima). PA 66 ist typisch für anspruchsvollere Automotive-Anwendungen (Motorraum). PA 6 bietet bessere Zähigkeit im konditionierten Zustand und günstigere Rohstoffkosten.
Warum muss PA 6 vor dem Spritzguss getrocknet werden, und woran erkenne ich feuchtes Granulat?
Amidgruppen in PA 6 binden Wasser durch Wasserstoffbrücken – das Granulat nimmt je nach Umgebungsfeuchte 2–9 % Wasser auf. In der Schmelze bei 250–280 °C verdampft das Wasser schlagartig und erzeugt Dampfblasen (Schlieren, Blasen im Formteil) und führt zu Hydrolyse (Kettenspaltung, Abfall der Viskosität und mechanischen Kennwerte). Feuchtes Granulat erkennt man an silbernem Fließbild beim Spritzguss, Blasen an der Bauteiloberfläche und stark abfallendem Staudruck beim Einspritzen.
Kann PA 6 in Lebensmittelkontaktanwendungen eingesetzt werden?
Ja – PA 6 ist nach EU-Verordnung 10/2011 für bestimmte Lebensmittelkontaktanwendungen zugelassen. Der Lieferant muss eine Declaration of Compliance für den jeweiligen Kontakttyp ausstellen. Bei Hochtemperaturanwendungen (Kochen, Heißfüllen) müssen die erhöhten Migrationswerte der Caprolactam-Restmonomere (Migrationsgrenzwert: 15 mg/kg Lebensmittel nach Anhang II der VO 10/2011) beachtet werden.

Weiterführend: Wikipedia: Polyamid · Im Portal: Polyamid PA 66 · ISO 1874 · Glasfasern als Füllstoffe