Spotpreis vs. Kontraktpreis
Im Polymerhandel existieren zwei Preiswelten parallel. Der Kontraktpreis wird zwischen Hersteller und Abnehmer – meist monatlich – für größere, planbare Mengen verhandelt; er bietet Versorgungssicherheit und glättet kurzfristige Ausschläge. Der Spotpreis entsteht im freien, kurzfristigen Handel (Resthandel, Restposten, schnelle Verfügbarkeit) und reagiert unmittelbar auf Angebot und Nachfrage. Zwischen beiden klafft regelmäßig eine Lücke: In einem überversorgten Markt liegt der Spotpreis unter dem Kontraktpreis, in Knappheitsphasen darüber. Preisberichtsdienste wie ICIS oder Argus weisen Spot und Kontrakt deshalb getrennt aus.
Monomer-Kontrakt plus Conversion-Marge
Standard-Thermoplaste sind Polymerisate eines Monomers: Polyethylen (PE) aus Ethylen, Polypropylen (PP) aus Propylen. Das Monomer stammt überwiegend aus der Spaltung von Rohöl-Naphtha (in den USA aus Gas/Ethan). Der Ethylen-Kontrakt wird einmal im Monat als Referenz festgesetzt; der PE-Kontraktpreis ergibt sich daraus plus einer Conversion-Marge (Polymerisation, Energie, Logistik, Marge).
Illustratives Rechenbeispiel (keine aktuellen Werte): Liegt der Ethylen-Monatskontrakt bei rund 1.500 €/t und die Conversion-Marge bei etwa 400 €/t, ergibt sich ein PE-Kontrakt von grob 1.900 €/t. Wichtig: Eine Veränderung des Monomer-Kontrakts schlägt nicht automatisch 1:1 auf den Polymerpreis durch – die Conversion-Marge weitet sich oder verengt sich je nach Auslastung und Wettbewerb. Den Materialkostenanteil im Bauteil bestimmt am Ende der eingekaufte Polymerpreis, nicht der Monomer-Kontrakt allein.
Importware & Herkunft
Neben europäischer Produzentenware wird Importware aus Übersee gehandelt – etwa aus Südkorea, dem Nahen Osten (z. B. Oman) oder den USA. Sie wird typischerweise mit einem Preisabschlag gegenüber dem europäischen Produzentenpreis angeboten (Marktteilnehmer berichten Größenordnungen von rund 15–20 ct/kg, markt- und sortenabhängig). Der Abschlag ist kein „schlechteres Material", sondern spiegelt Herkunft, Lieferzeit, Chargenkonstanz und Handelsweg.
Das Lieferzeit-Risiko (Preiswette): Wer Importware zum Fixpreis ins eigene Lager ordert, bestellt oft Monate im Voraus – Bestellung im Januar, Ankunft im März. Fällt der Marktpreis in der Zwischenzeit (im Extrem um 20 %), liegt der vereinbarte Fixpreis über dem dann gültigen Markt – aus dem Schnäppchen wird ein Verlustgeschäft. Importbeschaffung zu Fixpreisen ist damit immer auch eine Wette auf die Preisentwicklung über die Transitzeit. Wer dieses Risiko nicht tragen will, fährt mit kurzfristiger Spot- oder Kontraktware bzw. einem Abruf-/Konsignationslager planbarer.
Netback und der Druck durch US-Importe
Der Netback ist der für einen Produzenten erzielbare Nettoerlös einer Lieferung in einen bestimmten Markt – vereinfacht der erreichbare Wiederverkaufspreis abzüglich Fracht, Zoll und Handelskosten. Produzenten lenken Mengen dorthin, wo der Netback am höchsten ist.
Genau hier setzt der Druck durch US-Ware an: US-Produzenten haben gas-basiert niedrige Herstellkosten und einen stark überversorgten Heimatmarkt. Erzielen sie in Europa einen höheren Netback als zuhause, lenken sie Exportmengen nach Europa – die US-Exportquote ist in wenigen Jahren von rund 39 % auf 48 % der Verkäufe gestiegen. Diese zusätzlichen Mengen drücken die europäischen Preise zusätzlich und vergrößern die Spot-Kontrakt-Lücke.
Angebot, Nachfrage & Zyklen
Über allem stehen Kapazitäts- und Nachfragezyklen. Neue Welt-Kapazitäten plus schwache Nachfrage erzeugen einen Käufermarkt mit Überversorgung; Verarbeiter halten dann die Läger bewusst leer und kaufen nur nach Bedarf (Destocking), weil sie weiter fallende Preise erwarten. Hinzu kommen saisonale Schwächephasen (z. B. das „Sommerloch"). In Knappheitsphasen kehrt sich das um: Läger werden aufgebaut, Spot zieht über Kontrakt. Diese Zyklen – nicht ein einzelner Tagespreis – bestimmen die Beschaffungsstrategie.