KunststoffWissen
Materialvergleich

ABS vs PP: der Werkstoffvergleich für Gehäuse und Verpackung

Grundlagen: amorph gegen teilkristallin

Der wichtigste strukturelle Unterschied bestimmt fast alle Eigenschaften:

  • ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) ist ein amorphes Terpolymer: Acrylnitril bringt Chemikalien- und Wärmebeständigkeit, Butadien die Schlagzähigkeit, Styrol Steifigkeit und Verarbeitbarkeit. Amorphe Kunststoffe haben keine scharfe Schmelztemperatur, erweichen über den Glasübergang (Tg ~105 °C), sind maßhaltig und gut zu bedrucken/lackieren.
  • PP (Polypropylen) ist teilkristallin mit einem Schmelzpunkt um 163 °C. Es ist chemisch sehr beständig, sehr leicht und zeigt ausgeprägte Zähigkeit bei geringer Steifigkeit. Die teilkristalline Struktur bewirkt aber auch eine deutlich höhere Verarbeitungsschwindung.

Kurz: ABS steht für Steifigkeit, Maßhaltigkeit und edle Oberfläche, PP für Chemikalienbeständigkeit, geringes Gewicht und Preis.

Kennwerte im direkten Vergleich

Richtwerte ungefüllter Standardtypen. Verbindlich ist stets das Herstellerdatenblatt.

ABS vs PP — Dichte: 1,04–1,06 g/cm³; Struktur: amorph; Schmelz-/Erweichung: Tg ~105 °C; E-Modul: 2.100–2.400 MPa; Zugfestigkeit: 40–50 MPa; Bruchdehnung: 15–30 % KENNWERTE IM DIREKTEN VERGLEICH ABS vs PP DICHTE1,04–1,06 g/cm³STRUKTURamorphSCHMELZ-/ERWEICHUNGTg ~105 °CE-MODUL2.100–2.400 MPaZUGFESTIGKEIT40–50 MPaBRUCHDEHNUNG15–30 %
EigenschaftABSPPNorm
Dichte1,04–1,06 g/cm³0,90–0,91 g/cm³ISO 1183
Strukturamorphteilkristallin
Schmelz-/ErweichungTg ~105 °CTm 160–165 °CDSC ISO 11357
E-Modul2.100–2.400 MPa1.300–1.600 MPaISO 527
Zugfestigkeit40–50 MPa30–38 MPaISO 527
Bruchdehnung15–30 %> 50 %ISO 527
HDT/A (1,8 MPa)85–95 °C55–70 °CISO 75-A
Schwindung linear0,4–0,7 %1,3–2,0 %ISO 294-4
Wasseraufnahme0,2–0,4 %< 0,1 %ISO 62
Chemikalienbeständigkeitmäßig (Lösemittel!)sehr gut
Materialpreis (€/kg, 2026)~1,8–2,2~1,3–1,6Marktindikation

Verarbeitung und Veredelung

Beide sind spritzgießbar, unterscheiden sich aber in Handling und Nachbearbeitung:

  • ABS: gutes Fließverhalten, hervorragende Oberflächen, maßhaltig; leichtes Trocknen empfohlen (nimmt etwas Feuchte auf). Besonderheit: ABS lässt sich lackieren, bedrucken, kleben und galvanisieren – ein großer Vorteil für Sichtteile.
  • PP: günstig zu verarbeiten, aber hohe und teils richtungsabhängige Schwindung (Verzugsneigung, besonders bei Faserfüllung). PP-Oberflächen sind unpolar und daher schlecht zu lackieren/bekleben ohne Vorbehandlung (Beflammen, Plasma). Dafür ermöglicht PP das Filmscharnier (integrierte Klappscharniere).

Anwendungen und Auswahl

Die Zuordnung ist meist eindeutig:

  • ABS wählen für hochwertige Gehäuse und Sichtteile: Konsumelektronik, Haushaltsgeräte, Fahrzeug-Innenraum, Spielzeug (formstabile Bauteile), überall dort, wo Steifigkeit, Maßhaltigkeit und veredelbare Oberfläche zählen.
  • PP wählen für Verpackung, Behälter und medienbeständige Teile: Lebensmittelverpackungen, Klappboxen, Eimer, Batteriekästen, Laborartikel, medizinische Einwegteile – überall dort, wo Chemikalienbeständigkeit, geringes Gewicht und niedriger Preis gefragt sind.

Kennwerte im Detail auf den Werkstoffseiten zu ABS und PP; Sorten und Anfrage unter ABS-Granulat bzw. PP-Granulat.

Häufige Fragen

Was ist der Hauptunterschied zwischen ABS und PP?
ABS ist amorph, steif, maßhaltig und lässt sich hervorragend lackieren und galvanisieren – ideal für Gehäuse und Sichtteile. PP ist teilkristallin, sehr leicht (Dichte 0,905), günstiger und deutlich chemikalienbeständiger – ideal für Verpackungen und medienbeständige Teile. ABS punktet bei Steifigkeit und Optik, PP bei Beständigkeit, Gewicht und Preis.
Welcher Kunststoff ist günstiger?
PP. Die Materialpreise liegen 2026 als Marktindikation bei rund 1,3–1,6 €/kg für PP und 1,8–2,2 €/kg für ABS. Hinzu kommt: PP ist mit 0,905 g/cm³ deutlich leichter als ABS (1,05 g/cm³) – pro Bauteilvolumen wird also weniger Masse benötigt, was den Kostenvorteil vergrößert.
Welcher Kunststoff ist chemikalienbeständiger?
PP. Polypropylen ist gegen Säuren, Laugen und viele Lösemittel sehr beständig und hydrolysestabil. ABS ist demgegenüber empfindlich gegen viele Lösemittel (z. B. Ketone, Ester, chlorierte Kohlenwasserstoffe) und Kraftstoffe. Für Kontakt mit aggressiven Medien ist PP die klar bessere Wahl.
Welcher Kunststoff lässt sich lackieren oder galvanisieren?
ABS. Es lässt sich sehr gut lackieren, bedrucken, kleben und – als einer der wenigen Kunststoffe – galvanisieren (verchromen). PP hat eine unpolare Oberfläche und ist ohne Vorbehandlung (Beflammen, Plasma, Primer) kaum lackier- oder klebbar. Für veredelte Sichtteile ist ABS Standard.
Welcher Kunststoff ist lebensmittelecht?
PP ist der Standard für Lebensmittelkontakt (Verpackungen, Behälter, Mikrowellengeschirr) und entsprechend häufig nach EU 10/2011 zugelassen. ABS wird für Lebensmittelkontakt seltener und nur mit geeigneten, zugelassenen Typen eingesetzt. Die konkrete Eignung bestätigt der Lieferant per Konformitätserklärung.

Weiterführend: Siehe verlinkte Material- und Verfahrensseiten unten.