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Materialvergleich

PA 6 vs PA 66: Polyamide im direkten Vergleich

Chemische Grundlagen — woher der Unterschied kommt

Beide Polyamide entstehen durch Polymerisation, unterscheiden sich aber im Monomer:

  • PA 6 entsteht aus Caprolactam (ε-Caprolactam, ein 7-Ring) durch hydrolytische Ringöffnungspolymerisation. Die Polymerkette enthält wiederkehrende −[NH−(CH₂)₅−CO]− Einheiten.
  • PA 66 entsteht durch Polykondensation von Hexamethylendiamin (6 C-Atome) und Adipinsäure (6 C-Atome). Die Polymerkette zeigt wiederkehrende −[NH−(CH₂)₆−NH−CO−(CH₂)₄−CO]− Einheiten.

Die symmetrischere Struktur von PA 66 erlaubt eine dichtere Kristallpackung mit stärkeren Wasserstoffbrücken zwischen den Amidgruppen. Daraus resultieren der höhere Schmelzpunkt und die höhere Steifigkeit. PA 6 hat eine asymmetrische Wiederholeinheit, die weniger ideal kristallisiert.

Beide Materialien sind hygroskopisch: die polaren Amidgruppen (−NH−CO−) lagern Wassermoleküle als Weichmacher ein, was Festigkeit und Steifigkeit reduziert, aber Schlagzähigkeit und Bruchdehnung erhöht. PA 6 nimmt geringfügig mehr Wasser auf (2,7–3,2 % bei Sättigung) als PA 66 (2,5–3,0 %).

Kennwerte im direkten Vergleich

Die folgenden Werte gelten für ungefüllte Standard-Typen, konditioniert bei 23 °C / 50 % rel. Luftfeuchte gemäß ISO 1110, sofern nicht anders angegeben.

PA 6 vs PA 66 — Dichte: 1,12–1,15 g/cm³; Schmelzpunkt Tm: 215–225 °C; Glasübergang Tg: 40–60 °C; Zugfestigkeit (trocken): 70–85 MPa; Zugfestigkeit (konditioni…: 40–60 MPa; E-Modul (trocken): 2.700–3.200 MPa KENNWERTE IM DIREKTEN VERGLEICH PA 6 vs PA 66 DICHTE1,12–1,15 g/cm³SCHMELZPUNKT TM215–225 °CGLASÜBERGANG TG40–60 °CZUGFESTIGKEIT (TROCKEN)70–85 MPaZUGFESTIGKEIT (KONDITIONI…40–60 MPaE-MODUL (TROCKEN)2.700–3.200 MPa
EigenschaftPA 6PA 66Norm
Dichte1,12–1,15 g/cm³1,13–1,15 g/cm³ISO 1183
Schmelzpunkt Tm215–225 °C255–265 °CDSC ISO 11357
Glasübergang Tg40–60 °C50–70 °CDMA
Zugfestigkeit (trocken)70–85 MPa75–90 MPaISO 527
Zugfestigkeit (konditioniert)40–60 MPa55–65 MPaISO 527
E-Modul (trocken)2.700–3.200 MPa2.800–3.200 MPaISO 527
E-Modul (konditioniert)900–1.300 MPa1.200–1.600 MPaISO 527
Bruchdehnung50–300 %40–250 %ISO 527
HDT/A (1,8 MPa)50–60 °C55–70 °CISO 75-A
HDT/B (0,45 MPa)160–200 °C180–220 °CISO 75-B
Charpy ungekerbtNB (kein Bruch)40–80 kJ/m²ISO 179
Charpy gekerbt (trocken)3–8 kJ/m²3–6 kJ/m²ISO 179
Wasseraufnahme (Sättigung)2,7–3,2 %2,5–3,0 %ISO 62
Schwindung linear0,8–1,5 %1,0–2,0 %ISO 294-4
MFR (275 °C/5 kg)13–25 g/10 min13–25 g/10 minISO 1133
Materialpreis (€/kg, 2026)2,2–2,82,8–3,5Marktindikation

Verarbeitung im Spritzguss

Beide PAs sind im Spritzguss verarbeitbar, unterscheiden sich aber deutlich in den Parametern:

  • PA 6: Massetemperatur 230–280 °C, Werkzeug 60–100 °C, niedriger Schmelzeviskositätsbereich, Trocknung 80 °C / 6–8 h auf <0,1 % Restfeuchte.
  • PA 66: Massetemperatur 270–305 °C, Werkzeug 80–110 °C, etwas höhere Schmelzeviskosität, gleiche Trocknungsanforderung.

Das höhere Temperaturniveau bei PA 66 hat zwei Konsequenzen: Werkzeugbau-Anforderungen (heiße Heißkanäle, höhere Düsen-Temperaturen) und Energiebedarf. Bei dünnen Wandstärken (<1,5 mm) wird PA 66 wegen der schnelleren Erstarrung schwieriger zu füllen — das gleichen niedrigviskose Typen oder Hochviskosität-Heißkanäle aus.

Zykluszeiten sind bei PA 66 typischerweise 10–20 % länger als bei PA 6 — wegen der höheren Werkzeugtemperatur und vollständigeren Kristallisation. In großvolumigen Serien (Kabelbinder, Stecker) ist diese Differenz wirtschaftlich relevant.

Anwendungen und Marktverteilung

Die Anwendungsbereiche überlappen, haben aber klare Schwerpunkte:

PA 6 dominiert in:

  • Maschinenelementen und Verschleißteilen (Lager, Räder, Führungen)
  • Kabelschutz und Wellrohren (Automobil-Innenraum)
  • Sportartikeln und Konsumgütern
  • Folien und Folienverbunden (BOPA für Verpackungen)
  • Textilien und Fasern (Teppichgarne, technische Gewebe)

PA 66 dominiert in:

  • Motorraum-Komponenten (Lufteinlassmodule, Kühlwassergehäuse, Steckverbinder)
  • Elektrischen Steckverbindern mit Lötanforderung (höhere RTI/Lötbeständigkeit)
  • Kabelbindern (höhere Reißfestigkeit)
  • Hochbelasteten Zahnrädern und Kettenrädern
  • Sicherheitsgurten und Airbag-Modulen (PA 66-Gewebe)

Mengenmäßig ist PA 6 weltweit größer (~60 % des PA-Marktes), wegen breiterer Anwendung in Folien und Textilien. PA 66 hat den kleineren, aber technisch wertigeren Marktanteil mit höheren Margen.

Glasfaser-verstärkte Typen — der häufige Real-Case

In über 60 % aller technischen Anwendungen werden PA-Typen glasfaserverstärkt eingesetzt (PA 6-GF30 oder PA 66-GF30/GF35). GF-Verstärkung verschiebt die Kennwerte deutlich:

EigenschaftPA 6-GF30PA 66-GF30Bewertung
Zugfestigkeit (trocken)160–180 MPa180–210 MPaPA 66 +15 %
E-Modul (trocken)7.500–9.000 MPa9.000–10.500 MPaPA 66 +15 %
HDT/A195–215 °C230–250 °CPA 66 deutlich besser
Charpy gekerbt8–12 kJ/m²8–10 kJ/m²fast gleich
Materialpreis3,2–4,0 €/kg3,8–4,8 €/kgPA 66 teurer

Auswahlmatrix — wann welches Polyamid?

Diese Entscheidungshilfe basiert auf Werkstoff-Kennwerten und Standard-Konstruktionspraxis:

  • PA 6 wählen, wenn: Kosten kritisch sind, Einsatztemperatur dauerhaft <80 °C, Bauteil dünnwandig (<1,5 mm), Zähigkeit (auch konditioniert) wichtiger als Steifigkeit.
  • PA 66 wählen, wenn: Einsatztemperatur dauerhaft >100 °C, höhere Steifigkeit im trockenen Zustand benötigt, Automotive-OEM PA 66 explizit fordert (z.B. VW TL, BMW PD), Lötbarkeit/SMD-Belastbarkeit gefragt.
  • PA 6.10 oder PA 12 in Erwägung ziehen, wenn: Wasseraufnahme problematisch (Maßhaltigkeit, Dimensionsstabilität), chemische Beständigkeit gegen Salze/Säuren wichtig, oder höchste Tieftemperatur-Schlagzähigkeit gefordert.

Die Materialwahl sollte immer mit einem Werkstoff-Datenblatt des Lieferanten validiert werden — Compoundeure bieten unterschiedliche Modifikationen (impact-modified, halogenfrei flammgeschützt FR, hydrolyseresistent HR), die das Eigenschaftsprofil weiter ausdifferenzieren.

Häufige Fragen

Was ist der Hauptunterschied zwischen PA 6 und PA 66?
Der Hauptunterschied ist der Schmelzpunkt: PA 66 schmilzt bei 255–265 °C, PA 6 bei 215–225 °C. Diese 40 °C Differenz macht PA 66 für Hochtemperatur-Anwendungen (Motorraum) geeigneter, PA 6 ist günstiger und einfacher zu verarbeiten.
Welches PA ist günstiger — PA 6 oder PA 66?
PA 6 ist deutlich günstiger. Standard-Materialpreise liegen 2026 bei 2,2–2,8 €/kg für PA 6 und 2,8–3,5 €/kg für PA 66 — eine Differenz von etwa 25 %. Bei GF30-Typen bleibt der Preisunterschied bestehen.
Welches PA hat die bessere Schlagzähigkeit?
Konditioniert (Wasseraufnahme bei 23 °C / 50 % r.F.) ist PA 6 etwas zäher. Im trockenen Zustand sind beide ähnlich — PA 6 etwas mehr bruchdehnt, PA 66 etwas steifer. Schlagzäh-modifizierte Typen (PA 6-IM, PA 66-IM) sind bei beiden verfügbar.
Sind PA 6 und PA 66 austauschbar?
Nicht ohne Konstruktionsanpassung. Unterschiedliche Schwindung (PA 66 etwas höher), unterschiedliche Verarbeitungstemperatur, unterschiedliches Wasseraufnahme-Verhalten und unterschiedliche Wärmedehnung machen einen 1:1-Tausch problematisch. Bei kritischen Anwendungen ist Werkzeug- und Bauteil-Re-Validierung notwendig.
Welches PA für die Lebensmittelindustrie?
Beide sind nach EU 10/2011 für Lebensmittelkontakt zugelassen, sofern keine kritischen Additive verwendet werden. PA 6 dominiert Verpackungsfolien (BOPA), PA 66 wird für Heißfüllbehälter und Hochtemperatur-Komponenten eingesetzt. Die Materialqualifikation muss vom Lieferanten per Declaration of Compliance bestätigt werden.

Weiterführend: Siehe verlinkte Material- und Verfahrensseiten unten.